Virpi Kivioja

Virpi Kivioja erhielt im Juli 2015 ihren Masterabschluss in zeitgenössischer Geschichte von der Universität Turku, an der sie zurzeit Doktorandin im Fachbereich Philosophie, Politikwissenschaft und zeitgenössische Geschichte ist. Ihre Doktorarbeit befasst sich mit dem Bild Finnlands in deutschen Schulbüchern aus der Ära des Kalten Kriegs und dem dazugehörigen Bild der BRD und der DDR in finnischen Schulbüchern der gleichen Zeit. Virpi Kiviojas Forschungsinteresse beinhaltet darüber hinaus die Konstruktionen nationaler Identitäten, nationale Stereotypen, Bilderforschung, finnische und deutsche Geschichte sowie die Geschichte der internationalen Beziehungen.


Virpi Kivioja

Im Mai 2016 hatte ich die Möglichkeit im Rahmen eines Stipendienprogramms vier produktive Wochen am Georg-Eckert-Institut zu verbringen und Material für meine Doktorarbeit zu sammeln, das sich mit dem Bild Finnlands in west- und ostdeutschen Schulbüchern und dem Bild der beiden deutschen Staaten in finnischen Schulbüchern während und unmittelbar nach dem Kalten Krieg auseinandersetzt. Ich bin auf der Suche danach, welche Fakten, Aussagen und Ideen während des Kalten Kriegs in den oben genannten Ländern präsentiert wurden und welches Gesamtbild dieser Länder aufgrund dieser Fakten und Ideen erzeugt werden konnte. Während des Kalten Kriegs strebte Finnland danach, seinen Standpunkt zwischen den zwei Seiten des Eisernen Vorhangs zu balancieren, um seinen neutralen Status erhalten zu können während sich sowohl die BRD als auch die DDR eine Annäherung Finnlands wünschten. Daher untersucht meine Forschung auch Beschreibungen aus Schulbüchern, die sich mit den Beziehungen zwischen Finnland und der BRD und Finnland und der DDR auseinandersetzen, z. B. ob Handelsinteressen die Darstellung der Beziehungen zwischen Finnland und der BRD sowie ob kultureller Austausch das Bild der Beziehungen zwischen der DDR und Finnland prägten.

Meine Forschung basiert hauptsächlich auf Geographie- und Geschichtsschulbüchern aus Finnland, der BRD und der DDR, die zwischen 1945 und 2000 auf den Markt gebracht wurden. Mein Hauptziel ist es, die Form des Grundwissens und der Eindrücke Finnlands und Deutschland gegenüber dem jeweilig anderen Land zu verstehen; diese Darstellungen existieren bis heute und beeinflussen die gegenseitige Wahrnehmung von Finnen und Deutschen.

Während ich westdeutsche Geographieschulbücher durchsah, bemerkte ich die überwiegend einseitige (unveränderte), und gleichzeitig zufällige, Auswahl an Fotografien, die dem Leser oder der Leserin einen realistischen Eindruck Finnlands vermitteln sollten. Das Bild Finnlands während des Kalten Kriegs scheint aus Landschaftsbildern mit endlosen Wäldern und Seen zu bestehen – ein nationales Klischee, das mehr als 100 Jahre alt ist. Die Darstellung Finnlands wirkt auch an anderer Stelle alt und altmodisch. Während ein Text in einem Kapitel des Schulbuchs Mensch und Raum. Geographie 7 (für Bayern), das im Jahr 1992 veröffentlicht wurde, beschreibt wie sich die finnische Forstwirtschaft heutzutage auf Maschinen wie “große Walderntemaschinen” oder sogar auf Flugzeuge und “modernste Technologien” wie Computer verlasse, wird dem ein Foto aus Mittelfinnland gegenübergestellt, auf dem Kartoffeln noch mit der Hand geerntet werden – obwohl bereits in den 1970er Jahren die Kartoffelernte mit vollmechanischen Maschinen zur Kartoffelernte üblich geworden war. Man fragt sich, ob deutschen Schulbuchautoren und -autorinnen eine passende Auswahl an aktuellen Fotografien fehlte oder ob sie womöglich nicht daran interessiert waren, wahrheitsgetreue Bilder für die Bücher auszuwählen. Andererseits besteht die Möglichkeit, dass landwirtschaftlicher Fortschritt durch die Nachrichten aus der Forst- und Papierwirtschaft durch die finnischen Werbekampagnen im Ausland überschattet wurden. Bei der Erforschung finnischer Schulbücher werden höchstwahrscheinlich Unregelmäßigkeiten sowohl zwischen Texten und Bildern als auch zwischen Bildern und der Realität aufgedeckt werden.

Während meines Aufenthalts am GEI habe ich intensiv mit der Sammlung deutscher Schulbücher in der Bibliothek sowie mit administrativen/behördlichen Dokumenten zu Schulbüchern gearbeitet. Da ich eine Reihe wissenschaftlicher Methoden aus den Digital Humanities in meinem Forschungsprojekt nutzen werde, habe ich sofort die Möglichkeit ergriffen, das Schulbuchmaterial in der Bibliothek zu scannen und zu digitalisieren. Insgesamt konnte ich während meines vierwöchigen Aufenthalts die Hälfte meines deutschen Schulbuchmaterials sammeln. Außerdem hatte ich zahlreiche wunderbare Möglichkeiten, meine Forschungsideen mit verschiedenen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen und Schulbuchexperten und -expertinnen am GEI zu diskutieren. Diese Gespräche ermutigten mich in der Entscheidung, auch DDR-Schulbücher in meine Forschung aufzunehmen, da in meinem ursprünglichen Plan nur BRD-Schulbücher vorgesehen gewesen waren. Die Erforschung sowohl west- als auch ostdeutscher Darstellungen Finnlands und umgekehrt verleiht meiner Doktorarbeit einen neuen und interessanten Blickwinkel und damit eine dreidimensionale internationale Perspektive.


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