Geschichtsunterricht und historische Verständigungsprozesse in Deutschland/Europa und Korea/Ostasien nach 1945 전후 독일/유럽과 한국/동아시아에서의 역사교육과 역사화해

Vergangenheitsbewältigung á la Deutschland?

 

Wenn es um die aus dem Zweiten Weltkrieg herrührenden Belastungen der zwischenstaatlichen Beziehungen in Nordostasien geht, fällt der asiatische Blick unwillkürlich immer wieder auf die deutsche Vergangenheitsbewältigung. Viele Chinesen, Koreaner und Japaner sehen darin ein best practice-Beispiel, allerdings ist der Umgang damit umstritten.Unter dem Titel „Geschichtsunterricht und historische Verständigungsprozesse in Deutschland/Europa und Korea/Ostasien nach 1945“ fand am 19. Juli 2016 am GEI ein Workshop statt, der die Übertragbarkeit europäischer Erfahrungen untersuchte. Veranstalter war neben dem GEI das Global Institute for Japanese Studies. Diese NGO entstand 1999 auf Initiative und mit Unterstützung koreanischer Geschäftsleute und Firmen, die in Japan tätig sind. 2007 wurde sie in die Koreanischen Forschungsgemeinschaft aufgenommen und entfaltet eine sehr respektable Tätigkeit im Bereich Literatur, Gender, Friedensforschung und Katastrophenbearbeitung. Der stellvertretende Direktor des Instituts, Prof. Dr. Whan Bhum Song, führte die siebenköpfige Delegation an, die neben eigenen Wissenschaftlern noch Vertreter der Korea University, der Hannam University, der Chung-Ang University und des Tübingen Center für Korean Studies umfasste.

In seinem Einleitungsreferat widmete sich der Politologe Hong Kyu Park der Frage, warum die Aussöhnung Koreas mit Japan trotz mehrerer vielversprechender Ansätze nicht funktioniert. Als neuralgischen Punkt definierte er die ausgebliebene „Entschuldigung der Täter“, welche die wesentliche Voraussetzung für ein Verzeihen darstelle. Der GEI-Mitarbeiter Robert Maier skizzierte in seinem Vortrag die historischen Etappen der Verständigung zwischen Deutschland und den osteuropäischen Ländern. Er sah die entscheidenden Punkte der erfolgreichen Wiederannäherung der Völker in der Etablierung von Ikonen der Aussöhnung, der Schaffung von Foren und politischen Ritualen, der Förderung intensiver zwischengesellschaftlicher Kontakte, der institutionellen finanziellen Absicherung von gemeinsamen bilateralen Projekten, der Nutzung der Ressource „Geschichte“ und der Entschädigung von Opfern. Die Verständigung – so betonte er – sei allerdings alles andere als ein Selbstläufer gewesen. Sie war Resultat einer z.T. scharfen innergesellschaftlichen Auseinandersetzung, eines zähen Ringens, das häufig von Rückschlägen begleitet war. Gefährdungen und neue Zerwürfnisse drohten zu jederzeit – auch in der Gegenwart. Sorgfältig registriert wurde von den koreanischen Teilnehmern die Entstehung eines regulären Deutsch-Polnischen Geschichtsbuches für den Schulgebrauch in beiden Ländern. In einem Vortrag des entsprechenden Projektkoordinators Thomas Strobel ließen sie sich präzise über die Genesis des Unternehmens, die auftretenden Schwierigkeiten sowie die Stärken und Herausforderungen dieses binationalen Werkes informieren.

Die Diskussion zeigte eine sehr reflektierte Rezeption der deutschen Erfahrung. Man betrachtet sie nicht mehr als Faszinosum oder als „Blaupause“ für eigenes Handeln, sondern erkennt die Gefahren, wenn man sich bei eigenen Überlegungen und Strategien zu sehr von scheinbaren Parallelitäten leiten lässt. Gefragt wurde auch danach, ob die deutsche Vergangenheitsbewältigung nicht auch im europäischen Maßstab eine ungewöhnliche und einzigartige Politik darstelle. Rat wurde gesucht in der Frage, welche Optionen es gibt, wenn transnationale zivilgesellschaftliche Verständigungsprozesse systematisch von einer Regierungsseite behindert und torpediert werden. Ventiliert wurde auch die Frage, ob man im Interesse einer gedeihlichen Zukunft auch Dinge verschweigen, auf Entschuldigungen und Entschädigungen verzichten sollte. Aus der deutsch-polnischen Erfahrung wurde dazu beigesteuert: Nichts sollte unausgesprochen bleiben, aber beim Timing, wann etwas auf die Agenda gesetzt wird, sollte man viel Flexibilität und Geduld aufbringen. In den deutsch-polnischen Schulbuchgesprächen verzichtete z.B. die deutsche Seite einst auf die Verwendung des Begriffs „Vertreibung“ und rettete damit die Gespräche. Heute verwenden viele polnische Historiker das Wort Vertreibung sehr selbstverständlich.

Programm

9:30-10:00 h
Geführte Besichtigung der Schulbuchbibliothek

10:00 h
Vorstellungen und Planung von Forschungsprojekten zu historischen Vers
öhnungsprozessen, Prof. Dr. Hong Kyu Park (Professor of the Department of Political Science, Korea University)

10:20 h
Historische Etappen der Verständigung zwischen Deutschland und den osteuropäischen Ländern in der langen Nachkriegszeit, Dr. Robert Maier (Leiter der Abteilung Europa im Georg-Eckert-Institut)

11:00 h
Zur Genesis des deutsch-polnischen Geschichtsbuchs und seine Bedeutung für die historische Versöhnung beider Länder, Dr. Thomas Strobel (Georg-Eckert-Institut, deutscher Koordinator des deutsch-polnischen Geschichtsbuchs)

11:40 h
Eine „ostasiatische Friedensgemeinschaft“, beleuchtet aus der Perspektive von Kriegen und Katastrophen, Prof. Dr. Whan Bhum Song (Vice-Direktor of the Global Institute for Japanese Studies)

12:10 h
Der Zweite Weltkrieg im kulturellen Gedächtnis: Eine Betrachtung der historischen Aufarbeitung in der Bundesrepublik Deutschland und in Japan, Prof. Dr. Jin-mo Lee (Hannam University, Abteilung für Geschichtswissenschaft)

12:30 h Abschlussdiskussion

13:00 h Mittagessen

14:00 h Ende des Workshops


Teilnehmer:

  • Professor Dr. Myung Chul Cho, Department of History, Korea University, Historiker für japanische Geschichte
  • Dr. Jong Gil Choi, Research Professor, Global Institute for Japanese Studies
  • Prof. Dr. Hong Kyu Park (Professor of the Department of Political Science, Korea University)
  • Dr. Robert Maier (Leiter der Abteilung Europa im Georg-Eckert-Institut)
  • Thomas Strobel (Georg-Eckert-Institut, deutscher Koordinator des deutsch-polnischen Geschichtsbuchs)
  • Prof. Dr. Whan Bhum Song (Vice-Director of the Global Institute for Japanese Studies)
  • Prof. Dr. Jin-mo Lee (Hannam University, Abteilung für Geschichtswissenschaft)
  • Dr. Unsuk Han (Managing Director of Tübingen Center for Korean Studies at Korea University)
  • Prof. Dr. Yonku Cha, Department of History der Chung-Ang University (Seoul)
  • Nina Di Guida (Georg-Eckert-Institut)