Konflikt und Nation in kolumbianischen Schulgeschichtsbüchern

Im Rahmen des Friedensprozesses zur Beendigung eines seit über 60 Jahren währenden Binnenkonflikts steht Kolumbien vor der Herausforderung, eine lange praktizierte Politik der Amnestie und des Stillschweigens zu überwinden. Die kolumbianische Gesellschaft muss sich ihrer schwierigen Geschichte stellen und diese als gemeinsame Vergangenheit begreifen. Dies geschieht bislang in einer öffentlichen Form des Gedenkens mit dem Ziel, geographische und zeitliche Räume zu gewähren, in denen vor allem die Opfer ihre Versionen der Vergangenheit erzählen und bewahren können. Dem Fach Geschichte in der Schule wurde dabei von Seiten der staatlichen Vergangenheitspolitik bislang wenig Beachtung geschenkt. Diese Zurückhaltung hat ihren Grund nicht nur in einer Unsicherheit darüber, wie man in Zeiten des Konflikts eine konfliktive Geschichte unterrichten soll. Sie ist auch darauf zurückzuführen, dass Kolumbien ein Land der Regionen ist, denen mit der neuen Verfassung von 1991 mit ihrem Bekenntnis zur kulturellen Diversität grössere Eigenständigkeit gewährt worden ist. Das bedeutet, dass älteren Geschichtssichten, wie die sogenannte Historia Patria, die einen heroischen Blick auf die Vergangenheit von Staat und Nation warfen und deren zentraler Gründungsmythos die Erlangung der Unabhängigkeit war, nicht mehr den aktuellen Ansprüchen einer demokratischen und inkludierenden Gesellschaft genügen. Ausserdem gibt es in Kolumbien ein nur unzureichend ausgebildetes öffentliches Schulsystem, dem eine grosse Anzahl von Privatschulen gegenüber steht. In ihren pädagogischen und didaktischen Entscheidungen wird allen Schulen von staatlicher Seite eine grosse Autonomie gewährt, wozu auch die freie Auswahl der Lehrwerke gehört sowie die Entscheidung darüber, überhaupt ein kolumbianisches Lehrwerk zu verwenden. Gleichwohl entstanden in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Lehrwerke für den Geschichtsunterricht an Schulen, die selbstverständlich eine Narrative der jüngeren kolumbianischen Geschichte konstruieren.

In diesem Vortrag wird anhand des Beispiels zweier Schulgeschichtsbücher gezeigt, wie auf die neuen Anforderungen im Rahmen des Friedensprozesses reagiert wird und wie der Binnenkonflikt, der ja in erster Linie eine spaltende Erinnerung ist, in eine kohärente und eventuell sogar sinnstiftende Narrative integriert wird. Desweiteren geht es darum, wie das Konzept der Nation konstruiert wird, deren Existenz in Kolumbien immer wieder in Frage gestellt und die im besten Fall als fragmentiert bezeichnet wird.