Memory Practices - Erinnerungspraktiken in der Schule

Trotz des starken öffentlichen und wissenschaftlichen Interesses am "kulturellen Gedächtnis" bzw. kollektiver Erinnerung der letzten Jahrzehnte, gibt es bisher überraschend wenige empirische Untersuchungen dazu, wie kollektive Erinnerungsobjekte (wie z. B. Geschichtsschulbücher) im Alltag verwendet und wie verschiedene Interpretationen der Vergangenheit auf kreative Art und Weise ausgehandelt und angeeignet werden.

Unser Forschungsprojekt möchte dazu beitragen diese Wissens- und Forschungslücken zu schließen, indem wir die Praktiken des Umgangs mit institutionalisierten, staatlich-sanktionierten kollektiven Erinnerungsobjekten im Geschichtsunterricht beobachten und untersuchen.

Anhand der Untersuchung des alltäglichen Geschichtsunterrichts möchten wir zentrale Fragen der "curriculum-  und memory studies" aufgreifen und erörtern. Wie wird das kulturelle Gedächtnis kollektiv hervorgebracht? Welche Rolle spielen dabei (Bildungs-) Medien und Ihre Produktion? Was gilt als erinnerungswürdig bzw. wessen Wissen wird als das Wertvollste legimitiert?

Die Kombination verschiedener Methoden der empirischen Sozialforschung (u.a. qualitative Interviews, teilnehmende Beobachtungen, strukturierte Befragung) ermöglicht es uns, Antworten zu geben und die Perspektiven von unterschiedlichen Teilnehmenden bei der Hervorbringung und Aushandlung des kulturellen Gedächtnisses, wie u.a. Lernende, Lehrende, Schulbuchautor*innen sowie bildungspolitischen Entscheidungsträger*innen zu vergleichen. Anhand eines Fallbeispiels – Kolonialismus des 19. Jahrhundert – entfalten wir die kollektive Hervorbringung und Aushandlung dessen, was im Geschichtsunterricht als "erinnerungswürdig" gilt.

Unsere Daten werden zeigen, dass dominante Diskurse nicht einfach nur reproduziert werden, allerdings auch keine totale Fragmentierung des kulturellen Gedächtnisses vorliegt. Wohl aber können Fluchtlinien ("lines of flights") jenseits des dominanten Diskurses herausgearbeitet werden.