Narrationsbezogene Analysen in der Schulbuchforschung: Ein Beispiel aus der Religionswissenschaft. Kolloquium am 25. Januar

In der DDR bildeten die Lehrbücher für Staatsbürgerkunde das zentrale Instrument der systematischen schulischen Vermittlung der wissenschaftlichen Weltanschauung des Marxismus-Leninismus. Die Lehrbücher geben Auskunft darüber, was offiziell als sozialistische Weltanschauung und Moral galt und vor allem wie diese Weltanschauung auf der Textebene vermittelt werden sollte.  Aus religionswissenschaftlicher Perspektive besonders interessant ist dabei das Verhältnis von Religion und Sozialismus. Ausgehend vom Materialkorpus Schulbuch lässt sich fragen, wie die realsozialistische Wertvermittlung auf der Textebene funktionierte: Welche Geschichten wurden in den Lehrbüchern einer sich explizit als nicht religiös verstehenden Moral und Ethik erzählt, um diese zu begründen und zu illustrieren?

Das Schulbuch spiegelt sowohl das offiziell genehmigte Wissen über Weltanschauung als auch die Strategien, mit denen der Sozialismus grundlegend als Weltanschauung entworfen werden sollte.

Die Untersuchung der Form zeigt auf, dass die ,Wirksamkeit’ des Sozialismus über Arbeiterheldengeschichten, die Schilderung selbstlosen Handelns einfacher Bürger zum Wohl des Sozialismus oder Geschichten von lebenslangen Freundschaften belegt werden sollte. Literarischen Texteinschüben kam dabei eine Sonderrolle zu. Sie sollten regelrecht zeigen, dass Sozialismus einen eigenen Wert bildet, der auf den Menschen zurückwirkt. Als legitimierende Instanz erhielt die Literatur damit die Erfahrungs-, Erinnerungs- und Redehoheit über den Sozialismus. Erziehungswissenschaftliche lag dem Anspruch, Proto-Geschichten mit Wirklichkeitsanspruch zu implementieren, die Erwartung zugrunde, dass ästhetische Formen ins kollektive Gedächtnis eingehen und dort Erinnerung und Identität modellieren, die wiederum über diese Formen abrufbar werden.

Die sozialistische Weltanschauungsvermittlung war damit als Erzählkultur gestaltet, in der die persönliche Erlebbarkeit und Wirksamkeit des Sozialismus über Geschichten und damit über fiktionale Textstrukturen bezeugt werden sollte. Dass diese Strukturen bisweilen als religiös interpretiert wurden, zeigt die wissenschaftliche Debatte über Sozialismus als Religion, wie sie vor allem im Kontext der politischen Auseinandersetzungen mit den Realsozialismen des 20. Jahrhunderts geführt wurde. Aus religionswissenschaftlicher Perspektive allerdings stellt sich die Frage, ob Sozialismus tatsächlich eine Religion sei, so nicht. Narrative Muster wie jenes der erlebnisbasierten charakterlichen Wandlung sagen zunächst nichts über Inhalte aus. Ihre Struktur ist nicht per se religiös, sondern narrativ: Sie lädt den Leser zur Bedeutungsgebung ein.