Deutsch-Polnische Schulbuchkommission
Die deutsch-polnische Schulbucharbeit besteht im Kern aus den Aktivitäten der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, die auf deutscher Seite seit 1972 am Georg-Eckert-Institut beheimatet ist. Die Kommission sieht es als ihre Aufgabe an, mittels einer regelmäßigen wissenschaftlich-didaktischen Analyse deutscher und polnischer Lehrwerke auf eine sachgemäße Repräsentation des Nachbarn im Unterricht hinzuwirken. Auch bei ihren aktuellen Vorhaben agiert die Kommission mit einer friedenspädagogischen und völkerverständigenden Zielsetzung, die Anlass ihrer Gründung durch die deutsche und polnische UNESCO-Kommission war.
Historisches
Deutschland und Polen hatten vor allem im 20. Jahrhundert eine äußerst schmerzliche und schwierige gemeinsame Geschichte. Um so bemerkenswerter ist es, dass seit den 1970er Jahren beide Länder kontinuierlich zum Thema „Schulbuch“ zusammengearbeitet haben.
Die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission wurde 1972 auf Initiative der Deutschen und der Polnischen UNESCO-Kommission ins Leben gerufen mit dem Ziel einer Revision der Schulbücher und der Verständigung über die Art der gegenseitigen Darstellung im Geschichts- und Geographieunterricht. Die Brisanz der Arbeit der gemeinsamen Schulbuchkommission lag darin, dass sie während des Kalten Krieges eine der wenigen Foren geistigen Austauschs darstellte, in einer Zeit also, in der jede Form „ideologischer Kooperation“ aus marxistisch-leninistischer Sicht verpönt war.
Die 1976 verabschiedeten „Empfehlungen für die Schulbücher der Geschichte und Geographie in der Bundesrepublik Deutschland und in der Volksrepublik Polen“ waren auch in der Bundesrepublik lange heftig umstritten. Dieser Streit war jedoch sehr produktiv. Er trug wesentlich zu einem neuen gesellschaftlichen Konsens in bezug auf die Einstellung zu Polen bei. Auf insgesamt 30 Schulbuchkonferenzen wurden sensible Themen der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte aufgearbeitet sowie schulrelevante Aspekte der Geographie Deutschlands und Polens erörtert.
Seit Mitte der 1990er Jahre wendet sich die Kommission neuen Themen zu. Es sind weniger die Schatten der Vergangenheit, die im Sinne einer bilateralen Konfliktbewältigung den Schulbuchdiskurs bestimmen, sondern die vor den beiden Völkern liegenden Herausforderungen. Geschichte und Geographie werden daher auf ihre möglichen Beiträge zur Bewältigung der gemeinsamen Zukunftsaufgaben hin befragt. Zu diesem Zweck regt die Kommission fachwissenschaftliche Analysen der betreffenden Themen an, bewertet deren Darstellung in Schulbüchern und lotet ihr didaktisches Potential aus. Am Beispiel des Zusammenlebens von Deutschen, Polen und Juden, von Grenzen und Grenzregionen, anhand der Fragen des Stellenwertes des Nationalen in beiden Gesellschaften und der Aufnahme Polens in die EU wurde diese Vorgehensweise bereits erfolgreich angewandt. Zuletzt ging es um deutsch-polnische Erinnerungsorte sowie um die Transformationsprozesse in (Ost)Deutschland und in Polen und, 2005, um Umsiedlung, Aussiedlung und Vertreibungen (Geschichte) sowie um Polen und Deutschland als Ostseeanrainer (Geographie). Auf der XXXII. deutsch-polnische Schulbuchkonferenz, die vom 31.5-2.6.2007 in Berlin stattfand, waren "Ostpolitiken Deutschlands und Polens" das Thema.
Die XXXIII. Schulbuchkonferenz in Łódź befasste sich am 3. und 4. Juni 2009 schließlich mit "Geschichte und Nachbarschaft. Transnationale Geschichte als Herausforderung für historische Forschung und Geschichtsdidaktik" (Geschichte) bzw. mit dem Thema "Raumnutzungskonflikte zwischen Umweltschutz und wirtschaftlichen Interessen in Deutschland und Polen" (Geographie). Programm [PDF]
Im Rahmen dieser Neuorientierung erarbeitete die Kommission 2001 einen neuen Grundlagentext (Lehrerhandreichung), der die alten „Empfehlungen“ für den Geschichtsunterricht ergänzt bzw. ablöst. Die geographische Sektion der deutsch-polnischen Schulbuchkommission verabschiedete 2001 „Hinweise zur Behandlung Deutschlands und Polens in den Geographieschulbüchern beider Länder“.
Zukünftige Aktivitäten
Auf Lehrerfortbildungsseminaren werden die Ergebnisse der deutsch-polnischen Schulbucharbeit bekannt gemacht. Insbesondere wird die Handreichung „Deutschland und Polen im zwanzigsten Jahrhundert“ vorgestellt.
Nächste Termine:
Präsidiumssitzung der Gemeinsamen deutsch-polnischen Schulbuchkommission 2011
Kooperationspartner:
Prof. Dr. Müller (Halle), dt. Vorsitzender der Schulbuchkommission,
Prof. Dr. Traba (Berlin), poln. Kommissionsvorsitzender,
zahlreiche deutsche und polnische Fachwissenschaftler, Didaktiker und Pädagogen
Veröffentlichungen:
- Robert Maier: Finding a Way out of the Deadlock in German-Polish Dialog on History Textbooks. In: Asia Peace & History Education Institute (Hrsg.): Crossing the Border of Historical Understanding in East Asia. Seoul: Verlag Sunin 2008, S. 231-243 [auf Koreanisch] [siehe Cover]
- Thomas Strobel und Robert Maier (Hrsg.): Das Thema Vertreibung und die deutsch-polnischen Beziehungen in Forschung, Unterricht und Politik, Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2008, 232 S.
- Paweł Migdalski, Edward Wlodarczyk und Robert Maier (Hrsg.): Problematyka przymusowych przesiedleń i stosunków polsko-niemieckich po 1945 roku jako przedmiot badań historicznych i praktyki szkolnej, Szczecin 2007, 164 S.
- Georg Stöber (Hg.), Deutschland und Polen als Ostseeanrainer, Hannover: Hahn 2006
- Robert Maier (Hg.), Zwischen Zählebigkeit und Zerrinnen. Nationalgeschichte im Schulunterricht in Ostmitteleuropa, Hannover: Hahn 2004
- Georg Stöber (Hg.), Der Transformationsprozeß in (Ost-)Deutschland und in Polen, Hannover: Hahn 2003
- Robert Maier (Hg.), Die Präsenz des Nationalen im (ost)mitteleuropäischen Geschichtsdiskurs, Hannover: Hahn 2002
- Georg Stöber (Hg.), Polen, Deutschland und die Osterweiterung der EU aus geographischen Perspektiven, Hannover: Hahn 2002
- Ursula A.J. Becher, Wlodzimierz Borodziej, Robert Maier (Hg.), Deutschland und Polen im 20. Jahrhundert. Analysen - Quellen - didaktische Hinweise, Hannover: Hahn 2001
- Gemeinsame deutsch-polnische Schulbuchkommission - Sektion Geographie, „Hinweise zur Behandlung Deutschlands und Polens in den Geographieschulbüchern beider Länder“, in: Internationale Schulbuchforschung 23 (2001), S. 129-134
- Georg Stöber und Robert Maier (Hg.), Grenzen und Grenzräume in der deutschen und polnischen Geschichte. Scheidelinie oder Begegnungsraum? Hannover: Hahn 2000
- Georg Stöber (Hg.), „Polen und Deutschland“, Internationale Schulbuchforschung 21 (1999) Heft 1
- Heinz Duchhardt, Bogdan Wachowiak, Um die Souveränität des Herzogtums Preußen. Der Vertrag von Wehlau 1657, Hannover: Hahn 1998
- Winfried Schich, Jerzy Strzelczyk, Slawen und Deutsche an Havel und Spree. Zu den Anfängen der Mark Brandenburg, Hannover: Hahn 1997
- Robert Maier und Georg Stöber (Hg.), Zwischen Abgrenzung und Assimilation - Deutsche, Polen und Juden. Schauplätze ihres Zusammenlebens von der Zeit der Aufklärung bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges, Hannover: Hahn 1996
Die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung macht einige Dokumente aus der ersten Phase der Kommissionsarbeit als Download zugänglich:
http://library.fes.de/library/netzquelle/deutsch-polnisch/schulbuch.html
Kontakt:
Robert Maier
Aussenstelle#2 E 1.05
Tel.: +49 (0)531 123103-271
[Wissenschaft - Leiter AB Europa]
Email: senden
Georg Stöber
Haupthaus E 2.12
Tel.: +49 (0)531 59099-55
[Wissenschaft - Leiter AB Konflikt]
Email: senden
Thomas Strobel
Aussenstelle #2 Raum 1.01
Tel.: +49 (0)531 123103-272
[Wissenschaft]
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