Deutsch-Tschechische Schulbuchkommission

Schulbuchkonferenz Pardubice 2007

Ziel der Kommissionsarbeit ist es, durch regelmäßige wissenschaftlich-didaktische Analyse der beiderseitigen Geschichtslehrwerke auf eine Verbesserung und Harmonisierung der Schulbuchinhalte und damit auf eine bessere Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen hinzuwirken. Die Kommission trifft sich im Jahresrhythmus abwechselnd in Deutschland und der Tschechischen Republik; alle zwei Jahre veranstaltet sie eine große wissenschaftliche Tagung und alternierend alle zwei Jahre im jeweils anderen Land ein Arbeitstreffen.

Zuletzt hat im Dezember 2010 ein Arbeitstreffen im Georg-Eckert-Institut in Braunschweig stattgefunden. Dabei befasste sich die Kommission u.a. mit dem Fortgang der Arbeiten am aktuellen Projekt einer deutsch-tschechischen Lehrerhandreichung zur gemeinsamen Geschichte, das unter Beteiligung von Kommissionsmitgliedern federführend auf deutscher Seite vom Collegium Carolinum in München betrieben wird. Gerade im Vergleich mit dem unter intensiver Beteiligung des gastgebenden GEI in Arbeit befindlichen deutsch-polnischen Geschichtsschulbuch, über das sich die Kommission bei diesem Treffen informieren ließ, befand man übereinstimmend, dass für ein gemeinsames curriculares Lehrbuch im deutsch-tschechischen Fall die Voraussetzungen fehlten und eine Lehrerhandreichung das angemessenere und zukunftsweisende Projekt sei.   

Zudem konnte die Kommission bei dieser Gelegenheit auf ihre letzte wissenschaftliche Konferenz zurückblicken, die im Dezember 2009 im Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM) in Bad Berka stattgefunden hatte. Diese XI. deutsch-tschechische Schulbuchkonferenz war dem Thema: “Geschichtsunterricht, Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur in der Tschechischen Republik und in der Bundesrepublik Deutschland” gewidmet [siehe Bericht]. Sie wird in tschechischer Sprache demnächst publiziert werden. Voraussichtlich Anfang 2012 will die Kommission in der Tschechischen Republik das Thema „Der Geschichtsunterricht zwischen Massenmedien, Schulbuch und Unterrichtsmaterialien“ behandeln.

Historischer Rückblick 

Der Beginn der deutsch-tschechischen Schulbuchgespräche im Jahre 1967 geht auf eine Initiative der UNESCO-Kommissionen der ČSSR und der Bundesrepublik Deutschland zurück. Im selben Jahr kam es noch zu einer ersten Konferenz, die in Braunschweig stattfand. Thematisch befasste man sich mit der Reformation und der hussitischen Bewegung sowie der nationalen Wiedergeburt bis 1848. Infolge der Niederschlagung des “Prager Frühlings” 1968 kam es zum Abbruch der Schulbuchgespräche. Auf Initiative zweier Pioniere deutsch-tschechischer Verständigung, der inzwischen verstorbenen Professoren Ferdinand Seibt und Hans Lemberg beschäftigte sich die Historische Kommission der Sudetenländer e.V. auf zwei Tagungen (1976 und 1977) mit der Schulbuchmaterie, um die „Wartezeit“ zu überbrücken. Während dieser Epoche der sogenannten „Normalisierung“ in der  ČSSR konnten tschechische und slowakische Wissenschaftler an diesen Konferenzen einzig dann teilnehmen, wenn sie im „Westen“ im Exil lebten. Die Ergebnisse wurden vom GEI im Band 28 seiner Schriftenreihe publiziert.

Es musste noch einmal ein Jahrzehnt vergehen, bis 1987 der trilaterale Kontakt zwischen Tschechen, Slowaken und Deutschen wieder aufgenommen werden konnte. Auf einer Schulbuchkonferenz in Prag 1988 wurden Probleme der gemeinsamen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert in den Schulgeschichtsbüchern der ČSSR und BRD behandelt. Ein Jahr später ging es in Braunschweig um die tschechische, slowakische und deutsche Nationalbewegung. Auf einer dritten Konferenz untersuchte man 1990 in Prag das Thema „Die Epoche von Imperialismus, Weltkrieg und Revolution in beiden Ländern 1871-1918“.

Wegen personeller und organisatorischer Umstrukturierungen im Zusammenhang mit dem Zerfall der ČSFR konnten die Gespräche erst 1994 in Form von rein deutsch-tschechischen Konferenzen fortgesetzt werden. Auf einer vierten Konferenz 1994 in Braunschweig und einer fünften 1995 in Prag wurde der chronologische Durchgang durch die deutsch-tschechoslowakische Beziehungsgeschichte fortgesetzt, indem die „deutsch-tschechoslowakischen Beziehungen bis Mitte der dreißiger Jahre“ und „Tschechen, Deutsche und der Zweite Weltkrieg“ zum Thema gemacht wurden. Anschließend wurde beschlossen, dem Problemkreis „Nationalstaat im Schulbuch“ nachzugehen. Zwei Konferenzen fanden dazu bisher statt: Das Thema der Konferenz in Braunschweig 1997 lautete “Die Nation - erweckt, ins Leben getreten, versiegt, zerstört, wiederauferstanden ... oder nur konstruiert? Die Schulbuchhistoriographie und ihr Umgang mit dem Nationalstaat“. Die VII. deutsch-tschechische Schulbuchkonferenz in Prag 1999 stand unter dem Thema „Endlich in nationaler Ruhelage? Tschechen und Deutsche reflektieren über ihr Verhältnis zum Nationalstaat“.

Im September 2000 ist die tschechische Sektion der Gemeinsamen deutsch-tschechischen Schulbuchkommission institutionalisiert worden. Der Minister für Schulwesen ernannte als Mitglieder Hochschullehrer der Karls-Universität in Prag und der Südböhmischen Universität in Budweis sowie Pädagogen aus Pilsen.

Im November 2002 konstituierte sich die Gemeinsame deutsch-tschechische Schulbuchkommission in Dresden  nach 35 Jahren Schulbuchzusammenarbeit auch formal. Als Thema der ersten gemeinsamen Tagung unter den neuen Auspizien, der VIII. deutsch-tschechischen Schulbuchkonferenz im böhmischen Poděbrady wählte man „Die Zeit des Sozialismus im Geschichtsunterricht“. Hier ging es um die großen Gemeinsamkeiten, die der Alltag der Tschechen und der Deutschen in der DDR in dieser Epoche aufwies, um die vielfältigen Kontakte zwischen DDR-Bürgern und Tschechoslowaken und um die Probleme, diese Geschichte ihrer Eltern- und Großelterngeneration den heutigen Schülern nahezubringen. Damit stand für die Kommission erstmals ein Untersuchungsfeld jenseits der Konfliktgeschichte im Fokus.

Auf besonderen Wunsch der tschechischen Seite, die nach möglichen Synergieeffekten für den Unterricht mit den literarischen und musischen Schulfächern suchte, folgte 2005 im sächsischen Bautzen das Thema „ Parallelen, Verbindungen, Gegensätze zwischen der kulturellen Entwicklung in der Tschechoslowakei und Deutschland 1918-1945: Beispiele und Vorschläge für fachübergreifende Unterrichtsprojekte.“ Schon der Gedanke an Franz Kafka und seinen Kreis zeigt, dass dies auch für die deutsche Seite von großem Interesse sein kann.

Einen vorläufigen Schlusspunkt im chronologischen „Durchlauf“ durch die gemeinsame Geschichte der beiden Länder und gleichzeitig einen neuen, spannenden Höhepunkt in der Suche nach dem Gemeinsamen setzte schließlich im Oktober 2007 in Pardubice die X. deutsche-tschechische Schulbuchkonferenz zum Thema "Epochenjahre 1968/1989: Politische und soziale Bewegungen, Ziele, Resultate im deutsch-tschechoslowakisch-europäischen Kontakt und Vergleich" [siehe Bericht]. Diese Konferenz ist bereits in deutscher Sprache und wird in Kürze auch auf Tschechisch publiziert.

Laufzeit: seit 1989

Gefördert durch:

Kooperationspartner

  • Prof. Dr. Manfred Alexander (Universität Köln), deutscher Kommissionsvorsitzender;
  • Prof. Dr. Zdeněk Beneš (Karlsuniversität Prag), tschechischer Kommissionsvorsitzender;
  • zahlreiche deutsche und tschechische Fachwissenschaftler, Didaktiker und Pädagogen.


Großer Wert wird zudem auf engen Erfahrungsaustausch mit der Gemeinsamen deutsch-polnischen Schulbuchkommission gelegt.

Publikationen

  • Zur Geschichte der deutsch-tschechoslowakischen Beziehungen, Braunschweig: Albert Limbach Verlag, 1968
  • Hans Lemberg und Ferdinand Seibt (Hrsg.): Deutsch-tschechische Beziehungen in der Schulliteratur und im populären Geschichtsbild, Braunschweig: Westermann, 1978
  • Robert Maier (Hrsg.): Tschechen, Deutsche und der Zweite Weltkrieg. Von der Schwere geschichtlicher Erfahrung und der Schwierigkeit ihrer Aufarbeitung, Hannover: Hahn, 1997
  • Robert Maier (Hrsg.): Die Präsenz des Nationalen im (ost)mitteleuropäischen Geschichtsdiskurs, Hannover: Hahn, 2002
  • Andreas Helmedach (Hrsg.): Die Zeit des Sozialismus in deutschen und tschechischen Schulgeschichtsbüchern (= Internationale Schulbuchforschung/International Textbook Research Jg. 26 [2004], H.4)
  • Robert Maier (Hrsg.): Zwischen Zählebigkeit und Zerrinnen. Nationalgeschichte im Schulunterricht in Ostmitteleuropa, Hannover: Hahn 2004
  • Heidrun Dolezel und Andreas Helmedach (Hrsg.): Die Tschechen und ihre Nachbarn. Studien zu Schulbuch und  Schülerbewusstsein, Hannover: Hahn, 2006
  • Madlen Benthin: Die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa. Deutsche und tschechische Erinnerungskulturen im Vergleich, Hannover: Hahn, 2007
  • Andreas Helmedach und Robert Maier (Hrsg.): Zweierlei 1968? Die Umbruchjahre 1968 und 1989 in deutschen und tschechischen Geschichtsschulbüchern. Göttingen: V & R Unipress, 2008
  • Zdeněk Beneš (Hrsg.): Dvojí rok 1968? Zlomové roky 1968 a 1989 v českých a německých učebnicích dějepisu. Praha: Casablanca 2010

Kontakt:

Andreas Helmedach

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Letzte Änderung: 14.11.2011