Analytische Ebenen

Schulbuchforschung ist bislang auch am Georg-Eckert-Institut vornehmlich als reine Textwissenschaft betrieben worden. Untersucht wurden in erster Linie die diskursiven Strategien, auf denen die narrative Konstruktion von Vergangenheit im Rahmen des Nationalstaates sowie von nationalen Selbst- und Fremdbildern beruhten. Der Arbeitsbereich Globalisierung beschäftigt sich nach wie vor mit Schule und Bildungsmedien als Orten der Identitätsstiftung. Allerdings transzendiert er den zu eng gewordenen Rahmen des Nationalstaates, trägt der teilweise stattfindenden Auflösung und der Neubestimmung nationaler Grenzen Rechnung und avisiert die Ebene der Weltgesellschaft. Des weiteren richtet er sein Augenmerk stärker als bisher auch auf die Ausleuchtung der soziokulturellen Kontexte, in denen Bildungsmedien entstehen, vermittelt und angeeignet werden. Er tut dies, weil er von der Annahme ausgeht, dass Globalisierung in den drei Bereichen der Produktion, der Vermittlung und der Aneignung von Bildungsmedien zu einschneidenden Veränderungen geführt hat. Die im Arbeitsbereich angesiedelten Projekte bewegen sich deshalb auf drei analytischen Ebenen.

  • Schulisches Wissen und die Konstitution von Globalisierung in Texten
    Dass Bildungsmedien die Wirklichkeit nicht nur abbilden, sondern auch konstituieren, ist eine Erkenntnis, die von der diskurstheoretisch inspirierten Schulbuchforschung bereits seit längerem formuliert worden ist. An diese Einsicht knüpfen auch die Projekte des Arbeitsbereiches an. Wir gehen der Frage nach, wie und als was Globalisierung in unterschiedlichen nationalen Kontexten diskursiv konstituiert wird. Dabei greifen die einzelnen Projekte auf zwei komplementäre Forschungsstrategien zurück. Einige Projekte untersuchen, wie ausgewählte Themenfelder, die im Zeichen von Globalisierung an Bedeutung gewonnen haben, in schulischen Bildungsmedien repräsentiert werden. Der Schwerpunkt liegt dabei zurzeit auf Projekten, die am Beispiel von Bildungsmedien analysieren, wie sich nationale Erinnerungskulturen im Zuge einer zunehmend globalen Vernetzung von lokalen Diskursen verändern. Ein künftig verstärkt auszubauendes Themenfeld untersucht Bildungsmedien daraufhin, wie sie mit dem Phänomen der zunehmend bewusster reflektierten gesellschaftlichen Heterogenität umgehen.
  • Globalisierung und die Produktion von schulischem Wissen in institutionellen Kontexten
    Schulbücher und insbesondere Geschichtsbücher repräsentieren eine spezifische Textsorte. Letztere sind einerseits als eine Art „nationale Autobiographie“ definiert worden, in denen Gesellschaften Zeugnis davon ablegen, welchen kollektiven Sinn sie ihrer Vergangenheit zuschreiben und welche Konsequenzen sie daraus für ihre Gegenwart und Zukunft ziehen. Andererseits kann man Schulbücher aber auch als eine Art Knotenpunkt in einer Vielzahl von z.T. sehr widersprüchlichen und gegensätzlichen gesellschaftlichen Diskursen betrachten. Schulbücher repräsentieren damit in gewisser Weise eine hybride Textsorte, in die zumindest potentiell die Stimme von auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen geführten Diskursen eingehen. Die Frage, welche Akteure im Rekurs auf welche Ressourcen der Legitimation und mit welchem Erfolg an den Aushandlungsprozessen über die Inhalte von Bildungsmedien teilnehmen, ist damit immer schon ein lohnender Forschungsgegenstand gewesen. Ebenso interessant ist die Frage nach den politischen und gesellschaftlichen Institutionen, in denen darüber entschieden wird, welches Wissen und welche Deutungen in Bildungsmedien aufgenommen werden. Das betrifft Bildungsministerien, Fachverbände und Verlage ebenso wie zivilgesellschaftliche Organisationen. Der Arbeitsbereich geht davon aus, dass diese Fragen im Zeichen von Globalisierung zusätzlich an Relevanz gewonnen haben. Ausgangspunkt ist hier die Beobachtung, dass solche Entscheidungsprozesse verstärkt auch auf transnationaler Ebene wie der EU, der OSZE oder der OECD stattfinden oder zumindest auf bildungspolitische Vorgaben transnationaler Akteure wie z.B. der International Task Force for Holocaust Education Bezug nehmen müssen.
  • Globalisierung und die Aneignung von Wissen in schulischen Kontexten
    Seit längerem wissen wir, dass die textkritische Analyse von Schulbüchern allein noch nichts darüber aussagt, welches Wissen in der Schule tatsächlich vermittelt wird und was bei den Schülern und Schülerinnen ankommt. Hier liegt die Berechtigung nach der Forderung nach Forschungen zur Rezeption von Bildungsmedien sowohl bei den Lehrern als auch bei den Schülern. Der Arbeitsbereich greift diese Forderungen auch deshalb auf, weil er davon ausgeht, dass sich der Status von Schulbuchwissen unter den Bedingungen von Globalisierung in zweierlei Hinsicht verändert hat:
    • Zum einen wird die Kanonisierung von Wissen in Zeiten der Vervielfältigung von Zentren der Wissensproduktion zunehmend schwieriger. Die Geltungskraft und die normative Verbindlichkeit von nationalen Wissensordnungen nimmt unweigerlich in dem Maße ab, in dem sich Wissensproduzenten und –konsumenten zunehmend der Tatsache bewusst werden, dass dieselben Tatbestände an anderen Orten ganz anders konstruiert und wahrgenommen werden können.
    • Zum anderen müssen schulische Bildungsmedien und das in ihnen repräsentierte Wissen im Zuge der globalen Medienrevolution verstärkt in Konkurrenz mit dem in anderen Medien transportierten Wissen treten. Das gilt insbesondere für das Internet, das im Zeitalter der Globalisierung zum Leitmedium geworden ist.
    In Folge dieser beiden Prozesse sind die Anforderungen an die Reflexionsfähigkeit, wie auch an die Medienkompetenz insgesamt, für diejenigen erheblich angestiegen, die mit dem in diesem Sinne kontingent gewordenen Wissen umgehen müssen. Nicht zuletzt sind Menschen in viel stärkerem Maße als das historisch je der Fall war, mit der Notwendigkeit und der Schwierigkeit konfrontiert, eine Flut von Informationen zu bewältigen und für sich zu strukturieren. Bei dieser Strukturierungsarbeit können sie sich nicht mehr auf institutionell gestützte und allgemein verbindliche Selektionskriterien verlassen. Kohärenz und Sinnhaftigkeit können sie nur durch den Bezug auf sich selbst herstellen. Auch wenn diese auf der individuellen Ebene stattfindenden Orientierungsleistungen nicht direkt Gegenstand von am AB angesiedelten Forschungsprojekten sind, so bilden die hier angerissenen Fragestellungen doch den normativen Horizont, vor dem zukünftig Unterrichtsbeobachtungen durchgeführt werden sollen.
 
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Letzte Änderung: 09.03.2010