Schulische Bildungsmedien in heterogenen Gesellschaften

In diesem Schwerpunkt wird untersucht, welche Strategien Schule und schulische Praxis in Auseinandersetzung mit der sich verstärkenden Diversität und Heterogenität nationalstaatlich verfasster Gesellschaften entwickeln. Es liegt auf der Hand, dass sich die demographische Struktur von Gesellschaften in Folge von globalen Wandlungsprozessen real ausdifferenziert hat. Gleichzeitig ist das reflexive Bewusstsein für die symbolische Bedeutsamkeit von soziokulturellen, religiösen, ethnischen sowie auf Klassen- und Geschlechterzugehörigkeiten basierenden Unterschieden gestiegen. Gesellschaften sehen sich aufgefordert, über neue Formen zur Herstellung von sozialer Kohäsion nachzudenken, die Inklusion nicht um den Preis der Exklusion bestimmter Gruppen sichert. Wie Bildungsmedien und das Bildungssystem mit diesen neuen Herausforderungen umgehen, erforschen die in diesem Themenfeld angesiedelten Projekte in unterschiedlicher Schwerpunktsetzung auf drei Ebenen

  • Erstens leuchten sie die institutionellen Kontexte aus, in denen Bildungsmedien entstehen. Ausgehend von der Beobachtung, dass Konzepte des Managements von Diversität und Heterogenität nahezu überall ein Gegenstand von z.T. scharfen gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen und Kontroversen sind, die in politischen, zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Arenen stattfinden,  wird hier ausdrücklich ein breites Spektrum von Akteuren in den Blick genommen. Verlage, Autoren, Politiker, Mitglieder von Lehrplankommissionen, Migrantenverbände, Lehrervereinigungen, etc. sollen auf ihre explizit und implizit artikulierten Vorstellungen befragt werden. Dabei wird es auch darum gehen, herauszufinden, inwieweit sich diese Akteure auf globale Relevanzräume beziehen. Dieses Erkenntnisinteresse ergibt sich nicht zuletzt aus der Beobachtung, dass es im transnationalen Raum eine Vielzahl von Akteuren gibt, die mehr oder weniger verpflichtende Standards im Umgang mit Diversität anbieten. Internationale Organisationen und transnationale NGOs bringen Konzepte und Vorstellungen in Umlauf, auf die lokale Entscheidungsträger zumindest Bezug nehmen müssen. Die Konstruktion von multiplen und flexiblen Identitäten gilt in vielen epistemischen communities als selbstverständliche Norm. Organisationen müssen sich zunehmend daran messen lassen, wie divers und heterogen sie selber in ihrer personellen Zusammensetzung sind.
  • Zweitens sollen die Inhalte der Bildungsmedien auf Spuren dieser in globalen Relevanzräumen kursierenden Konzepte, Standards und Vorstellungen untersucht werden. Ausgehend von medientheoretischen Überlegungen kann man zwischen verschiedenen Formen der Aneignung hegemonialer Diskurse unterscheiden. Im transnationalen Raum zirkulierende Konzepte können angenommen, assimiliert, simuliert oder verworfen werden. Welche Positionen lokal produzierte Lehr- und Lernmaterialien in diesem Spektrum von denkbaren Optionen beziehen, wird damit zum spannenden Untersuchungsgegenstand.
  • Drittens soll untersucht werden, wie die in den Bildungsmedien angebotenen Konzepte und Lösungen im Umgang mit Heterogenität in der schulischen Praxis ankommen und wirken. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei der Frage gelten, wie Lehrer und Schüler auf die ihnen angebotenen Subjektpositionen reagieren, wie sie beispielsweise auf Konstrukte multipler und flexibler Identität ansprechen.

Die bislang diesem Themenfeld zugeordneten zwei Projekte nehmen beide mehrere Analyseebenen in den Blick.

  • Ein sich in der Abschlussphase befindliches Projekt untersucht, ob und wie es Akteuren der Bildungspolitik in Eritrea gelingt, Identitätsangebote zu formulieren, die ethnische und religiöse Identität nicht nur berücksichtigen, sondern auch aufheben. Eritrea bietet sich dabei als lohnender Untersuchungsgegenstand an, weil es eines der wenigen post-kolonialen Länder in Afrika ist, in denen der Prozess des nationbuilding zur Etablierung handlungsfähiger staatlicher Strukturen geführt hat. Gleichzeitig zeichnen sich staatliche Eliten hier durch die Fähigkeit aus, in globalen Relevanzräumen zirkulierende Vorgaben und Konzepte selbstbewusst auf ihre Passfähigkeit im lokalen Kontext zu überprüfen und ggf. abzulehnen.
  • Das als Vergleichsstudie zwischen Deutschland und England angelegte Projekt „Bildungsmedien: Produktion, Praxis, Politik“ erforscht im Rahmen einer ethnographischen Diskursanalyse in einem ersten Schritt, welche Akteure mit welchem Gewicht und mit welchen Sprecherrechten an der Entwicklung von Bildungsmedien beteiligt sind. Dabei fragt es nach Strategien des diversity mangements in Verlagen und analysiert, inwieweit Verlage transnationale Standards zur Kenntnis nehmen bzw. umsetzen. In einem zweiten Schritt unterzieht das Projekt die entstandenen Schulbuch-Texte einer kritischen Feinanalyse. In einem dritten und letzten Schritt beobachtet es, wie die im Text angelegten Subjektivierungsformen in der schulischen Praxis im Klassenraum wirken, bzw. neu verhandelt werden.

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Letzte Änderung: 09.03.2010